“Më shumë se një atdhe”

Der Vater flüchtete als Widerstandskämpfer in die Schweiz und macht bis heute Politik in Kosovo. Die Kinder wuchsen in Schaffhausen auf, haben den Schweizer Pass und sind apolitisch. Doch haben sie deswegen eine schwächere Verbindung in die alte Heimat als die Eltern? Auf einen albanischen Bergtee bei Familie Osmani.

Von Marlon Rusch / Schaffhauser az (www.shaz.ch)

Der 17. Februar sei für ihn ein bedeutender Tag, sagt Osman Osmani. Aber nicht der 17. Februar, der übermorgen die Spalten der Tagespresse füllen wird, nicht dieser Tag im Jahr 2008, als die Republik Kosovo gegen den Willen Serbiens und Russlands die Unabhängigkeit erklärte.
Osmani erzählt vom 17. Februar 1982. Damals, vor 36 Jahren, schloss sich die AKMLPJ, eine Bewegung, die sich für Gleich-berechtigung der Albaner in der damaligen Republik Jugoslawien einsetzte, in Ankara mit anderen politischen Gruppierungen zur Untergrundorganisation LRSSHJ zusammen. Geeint organisierte die neue Organisation den Kampf für eine gleichgestellte albanische Teilrepublik in Jugoslawien.
Osmani war einer der Gründer der AKMLPJ und selbst Protagonist dieser Einigung. Damals war er als Flüchtling in der Türkei. Auf Demonstrationen im Jahr 1981 reagierten die serbisch-jugoslawischen Machthaber brutal. Es gab unzählige Verhaftete, Gefolterte, Tote. Darunter viele von Osmanis Freunden und Mitstreitern. Er selbst verliess die Heimat.
Dass er heue hier sitzt, auf der Couch seiner Wohnung an der Schaffhauser Buchthalerstrasse, hat also durchaus mit dem 17. Februar zu tun. Seine Flucht vor Repression und Gefängnis führte ihn über Deutschland im Jahr 1983 in die Schweiz, die ersten neun Monate verbrachte er im Durchgangszentrum Friedeck in Buch, den ersten Job hatte er im Bahnhofbuffet.

Früher und heute. Links: Remzije und Osman vor fast 20 Jahren in Schaffhausen mit den Kindern Diell, Ilire, Pajtim und Diellëza (v.l.).
Früher und heute. Links: Remzije und Osman vor fast 20 Jahren in Schaffhausen mit den Kindern Diell, Ilire, Pajtim und Diellëza (v.l.).

Das Jubiläum aber, das übermorgen gefeiert wird – der junge Staat wird zehn Jahre alt –, ist für Osmani kein Grund für Jubelstürme. Er spricht von einer «eingeschränkten Unabhängigkeit». Vor einem Jahr sagte Veton Surroi, ein preisgekrönter Vorkämpfer des neuen Staats, der NZZ: «Wir müssen Kosovo nochmals befreien.» Nach der Unabhängigkeit wurde der neugeborene Staat von den Warlords gekapert, die vorher die serbische Repression bekämpft hatten. Der heutige Staatspräsident Hashim Thaçi war Begründer und Chef der Guerillatruppe UÇK. Die Stiftung Freedom House nennt seine Regierungsform ein «halbkonsolidiertes autoritäres Regime». Korruption grassiert, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 60 Prozent, viele Menschen sind arm. In der UNO anerkennen heute nur 112 von 193 Staaten Kosovo als Staat.

12 Jahre nicht zu Hause

So weit zur politischen Lage. In der Schweiz leben heute 170‘000 Kosovo-Albaner, ihre finanzielle Unterstützung ist ein wichtiger Wirtschaftszweig für die 1,8 Millionen Einwohner von Kosovo. Doch wie stark sind die emotionalen Bande? Wie stehen Migranten der ersten Generation wie Osman Osmani heute zu ihrer alten Heimat? Und wie steht es um ihre Kinder, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind?
Familie Osmani erklärt sich bereit, darüber mit der «az» zu sprechen. Zumindest Teile der Familie. Die Zeit, als er von allen als Familienoberhaupt akzeptiert worden sei und habe befehlen können, sei leider längst vorbei, scherzt Vater Osman.
Diell, 22, das jüngste der vier Kinder, und Ilire, 28, das älteste, sagen zaghaft zu, obwohl sie vorankündigen, sie hätten eigentlich nicht viel zum Thema zu sagen. «Ich bin Schweizerin», sagt Ilire Osmani lapidar.

Die Eltern mit dem jüngsten Sohn Diell.
Die Eltern mit dem jüngsten Sohn Diell.

Doch ist es so einfach? Auf dem Stubentisch steht an diesem Sonntagabend ein Krug albanischer Bergtee, daneben eine Schüssel mit kleinen Appenzeller Biberli. Vielleicht ist es doch etwas komplizierter.
Im Hause Osmani spricht man albanisch, Mutter Remzije kümmert sich mit einer Mischung aus höflicher Distanz und grosser Fürsorglichkeit um ihre Gäste. Sie kam im Juni 1987 mit 21 Jahren als eine der ersten kosovarischen Frauen in die Schweiz, um Osman zu heiraten. In ihrer Heimat Sllatina e Epërme, einem kleinen Dorf unweit der Hauptstadt Prishtina, arbeitete sie vorher als Krankenschwester. Weil sie einen Dissidenten heiratete, durfte sie bis nach dem Ende des Kosovokriegs 1999 nicht in ihre Heimat einreisen, 12 Jahre lang war es ihr untersagt, ihre Verwandten zu besuchen. Ein Schicksal, das ihr heute nicht der Rede wert erscheint. Ob sie gewusst habe, worauf sie sich einlasse? «Klar!»
Später war sie es, die dafür sorgte, dass die junge Familie in der Schweiz blieb. Nach dem Krieg wollte Osman, der politische Aktivist, mit seiner Familie zurück. Das letzte Wort hatte Remzije. Sie sei innerlich auch froh gewesen, als ihr Mann 2017 nicht ins nationale Parlament von Kosovo gewählt wurde, sagt sie verschmitzt.
Eine prosperierende Stadt
Osman, der für die SP Schaffhausen lange Zeit im Kantonsrat sass, sich zum soziokulturellen Animator ausbilden liess und seit Jahren als Gewerkschaftssekretär für Migration bei der Unia arbeitet, wollte für die linksnationale Vetëvendosje in den ko-sovarischen «Nationalrat» einziehen. Er sagt, er sehe es als seine Pflicht, seine politischen Erfahrungen, die er in der Schweiz gesammelt habe, in Kosovo einzubringen. «Wer priviligiert ist, soll auch etwas bewirken.» Seit Jahren ist er aktiv, sagt, heutzutage ermögliche die Mobilität dem Menschen, an mehreren Orten tätig zu sein. Nächstes Jahr wird er mit 62 Jahren frühpensioniert, dann werde sich sein Leben sicher ein Stück weit nach Kosovo verlagern – Politik machen könne er auch ausserhalb des Parlaments.
Zwei Standbeine – wie Osman machen es viele seiner Landsleute in der Schweiz. Prishtina wird mittlerweile täglich von Schweizer Flughäfen angeflogen. Kosovaren beginnen etwa, Firmen zu gründen in der alten Heimat, sie versorgen das Land mit frischem Know-how. In den vergangenen fünf Jahren hat die Bürokratie im Land deutlich abgenommen, die Infrastruktur in den Städten hat sich rasant verbessert. Heute ist Prishtina eine prosperierende Stadt. Osman Osmani sagt, die Stadt sei jung, westlich orientiert, progressiv. Die Menschen hätten weniger Pflichten als etwa in der Schweiz, sie hätten mehr Zeit, sich dem Leben zuzuwenden. Das spüre man.
Er erzählt von einer Bekannten, einer Schweizerin ohne kosovarische Wurzeln, die für die Deza arbeite. Sie habe zu einem Fest in Prishtina kein allzu gediegenes Kleid anziehen wollen, um ja nicht aufzufallen. «Unter den kosovarischen Frauen war sie dann völlig underdressed.»
Viele Leute in der Schweiz hätten ein falsches Bild des neuen Kosovo. Der «Tages-Anzeiger»-Journalist Enver Robelli sagte kürzlich in einem Radio-Beitrag im Schweizer Radio, die kosovarische Gemeinschaft in der Schweiz stehe viel eher still als die Menschen in Kosovo selbst: «Die Diaspora ist viel stärker mit Mythen und Traditionen behaftet.»
Dennoch bleibt Osman mit seinem Engagement die Ausnahme der Familie. Tochter Ilire reist zwar jedes Jahr in die Heimat der Eltern, besucht Verwandte und Bekannte, doch ihre Besuche haben keine Agenda. «Nach einiger Zeit habe ich meist wieder genug von Kosovo. Mein Zuhause ist Schaffhausen. Hier sind meine Sachen, meine Leute.» Sie sagt, wie auch ihre Geschwister, sie interessiere sich kein bisschen für Politik, gehe nicht einmal abstimmen. Weder in der Schweiz noch in Kosovo. «Vielleicht sind sie meinetwegen etwas allergisch», sagt der Vater.
Jugend mit Perspektive
Sohn Diell nickt. Wenn er nach Kosovo gehe, ins Dorf seiner Mutter, treffe er seine Cousins, hänge vor dem kleinen Laden seines Onkels ab, geniesse die Zeit.
Diell ist Karosseriespengler, will jetzt mit seinem Ersparten aber Französisch lernen gehen, danach die Berufsmatur nachholen und studieren. «Ich möchte gerne in die Forschung gehen», sagt er. Der grosse Traum? Für die ESA arbeiten, die Europäische Weltraumorganisation. «In der Schweiz ist so ein Weg möglich, wenn man es wirklich will und hart arbeitet. In Kosovo kannst du das vergessen. Da hat man keine Perspektive als Jugendlicher, auch wenn man sich anstrengt.»
Seine Schwester Diellëza reist gerade ein paar Monate durch Südamerika, arbeitet, wenn sie zurück ist, wieder als Medizinische Praxisassistentin, doch auch sie will später etwas anderes machen, vielleicht noch eine weitere Ausbildung.
Ist die zweite Generation Osmani apolitisch, weil sie nicht kämpfen muss wie die Eltern? Ist es so einfach? Hat sie nicht andere Kämpfe auszutragen? Ist sie nicht in einer Zeit gross geworden, als man Kosovo-Albaner in der Schweiz als Messerstecher verunglimpft und beschimpft hat?
Dieses Thema habe 1996 angefangen, sagt Osman Osmani, in Zürich seien erste Plakate mit der Aufschrift «Kosovo-Albaner Nein» aufgetaucht. «Ich dachte damals: Zumindest werden wir jetzt mal wahrgenommen.» Er selber habe nie zugelassen, dass er diskriminiert werde. Auch Tochter Ilire winkt ab. Es könne schon sein, dass sie mal diskriminiert worden sei. In der Boutique etwa, in der sie früher gejobbt habe, hätten langjährige Kundinnen plötzlich angefangen, Hochdeutsch mit ihr zu sprechen, nachdem sie erfahren hatten, dass Ilires Eltern aus Kosovo stammen. «So was war schon komisch, aber beschäftigt hat mich das nicht», sagt sie.
Es sei eher umgekehrt gewesen. Die Eltern erinnern sich, dass die beiden ältesten Kinder einen Schulausflug nach Deutschland schwänzen wollten, weil sie an der Grenze ihre Schweizer Pässe hätten zeigen müssen. «Sie wollten nicht, dass die Mitschüler sehen, dass sie normale Schweizer sind.»
Der Umgang der zweiten Generation mit der alten Heimat scheint pragmatisch zu sein. Das sagt auch der Journalist Enver Robelli: «Die jungen Kosovaren in der Schweiz haben eine gesunde Distanz, die Heimat wird nicht verklärt.» Es gehe nicht mehr primär ums Unterstützen. Die jungen Leute gingen nach Kosovo, weil das Land mittlerweile auch etwas zu bieten habe. Etwa eine spannende Musikszene.
Pajtim Osmani, Ilires und Diells Bruder, hat in Schaffhausen schon mehrere grosse Hip-Hop-Events veranstaltet. Seit seinem letzten Trip nach Kosovo spielt er mit dem Gedanken, 2019 in Prishtina ein Festival zu organisieren mit Bands, Breakdance-Battles, Graffiti-Künstlern und DJs. «Das ist eigentlich noch nicht spruchreif», sagt er. Und doch zeigt es, welch niederschwellige Ansätze zur Zusammenarbeit heute entstehen können – ohne dass «Helfen» im Vordergrund steht. /Schaffhauser az (www.shaz.ch)/