
Der Schaffhauser Faton Topalli über die Unruhen im Kosovo und seine Verhaftung
«Der Anzug der Diktatur ist zu klein für ein Volk, das in Freiheit leben will»
Von Kevin Brühlmann
Die junge Demokratie des Kosovo blutet. Im Kleinstaat, der 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärte, wird der Parlamentsbetrieb seit Wochen blockiert; Vertreter der Opposition, darunter die Partei Vetëvendosje (VV, Selbstbestimmung), zündeten immer wieder Tränengas-Petarden im Parlamentssaal. Der Grund dafür: ein Abkommen des Premierministers Isa Mustafas mit Serbien, das den Serben im Kosovo – eine Minderheit von gut fünf Prozent – einen selbstverwalteten «Gemeindeverband» zugestehen soll.
Doch letztes Wochenende schlug Mustafas Regime radikal zurück: Sie liess das Parteibüro der VV stürmen und deren Kopf, Albin Kurti, inhaftieren. Zudem nahm die Polizei über 90 Aktivisten der Vetëvendosje zumindest vorübergehend fest; gleichzeitig beklagt die Partei mehrere Dutzend Verletzte. Auch Faton Topalli, ein scheu auftretender 52-Jähriger, der über 30 Jahre im Kanton Schaffhausen gelebt hat, griff im Oktober zu Tränengas, um den Ratsbetrieb zu verhindern. Darauf reiste er in die Schweiz – und entging so vorläufig einer Gefängnisstrafe.
az Faton Topalli, Sie sind auf der Flucht. Wo kommen Sie unter?
Faton Topalli Seit zwei Wochen bin ich in Dörflingen, in meinem Haus. Zuvor bin ich fast wöchentlich in den Kosovo gependelt.
Sie werden polizeilich gesucht, weil Sie eine Tränengas-Petarde im kosovarischen Parlament gezündet haben. Werden Sie je wieder in Ihre Heimat zurückkehren?
Sicher. Zur nächsten oder übernächsten Parlamentssitzung werde ich zurück fliegen.
Warum bleiben Sie nicht hier?
Weil ich meine parlamentarische Pflicht zu erfüllen habe.
Bei Ihrer Rückkehr werden Sie vermutlich verhaftet.
Damit rechne ich. Sieben Oppositions- Parlamentarier werden gesucht oder sitzen wegen des Tränengases bereits im Gefängnis. Man sagt nämlich, die Petarde sei eine Waffe. Allerdings war es dieselbe Tränengas-Petarde, wie sie die Polizei bei Demonstrationen verwendet. Gemäss Gesetz sind ein bis zehn Jahre Haft für den Gebrauch von Waffen vorgesehen.
Warum haben Sie die Petarde gezündet?
Am 25. August, als das Parlament in den Sommerferien war, hat Isa Mustafa, der Premierminister Kosovos, ein Abkommen mit Serbien unterzeichnet. Dabei geht es um die Organisation eines Gemeindeverbands der serbischen Minderheit im Norden des Landes. Das steht jedoch im Widerspruch zur Verfassung.
Inwiefern?
Die Verfassung kennt das Land und die Gemeinden als Einheit – jedoch keine Gemeindeverbände. Diese dritte Einheit würde zu einer Föderalisierung des Kosovos führen. Zweitens versucht Serbien mit diesem Abkommen, Einfluss auf unser Land zu nehmen und ihm die Funktionsfähigkeit zu nehmen. Und drittens irrt die EU, wenn sie behauptet, es gehe um die Integration der kosovarischen Serben, denn es passiert genau das Gegenteil: Sie werden separiert. Auch, weil der Gemeindeverband dann eine eigene Legislative und Exekutive besässe.
Es würde Ihrer Meinung nach also ein Staat im Staat geschaffen.
Genau. Wir von der Vetevëndosje sind gegen eine solche serbische Republik im Kosovo. Sicher sind wir an der Integration der Serben interessiert. Mit der jetzigen Verfassung haben sie die gleichen Rechte wie die albanische Bevölkerung, und das soll auch so bleiben. Ein Problem ist jedoch, dass Serbien in den serbischen Gemeinden im Kosovo Parallelstrukturen geschaffen hat: Dort gibt es eine serbische Polizei, eine serbische Armee, finanzielle Unterstützung durch Serbien – de facto gehört der Norden nicht zum Kosovo.
Warum aber mussten Sie gleich Tränengas einsetzen?
Gegen dieses Abkommen Mustafas mit Serbien haben wir 205’000 Unterschriften gesammelt, um der Regierung zu zeigen, dass es so nicht geht. Jedes internationale Abkommen muss durch das Parlament ratifiziert werden. Doch der Premierminister will nicht, dass es im Rat behandelt wird. So blieb uns nichts anderes übrig, als das Parlament zu blockieren.
Sind Sie ein Feind der Demokratie?
Überhaupt nicht (lacht)!
Sie fordern mehr Demokratie, greifen aber selbst zur Gewalt, um den Ratsbetrieb zu stören. Das ist doch ein Widerspruch.
Es war nicht unser Wunsch, zu einer Petarde zu greifen. Aber, wie gesagt: Uns blieb nichts anderes übrig. Und im Vergleich zu Isa Mustafas Verfassungsverstoss ist eine Petarde sicher das kleinere Übel. Das Abkommen wird den Kosovo über Jahrzehnte in seiner Entwicklung behindern; das Tränengas verflüchtigt sich nach einigen Minuten.
Wäre ein gewaltloser Widerstand nicht zielführender?
Das haben wir ja probiert – erfolglos. Am letzten Samstag demonstrierten in Prishtina 35’000 Menschen friedlich gegen das Abkommen der Regierung. Doch nach der Kundgebung umzingelten etwa 1’000 Polizisten die Zentrale der Bewegung Vetëvendosje, um den Oppositionsführer Albin Kurti festzunehmen, einer der Petardenzünder. Die Polizisten haben dann die Türen eingetreten und Kurti und 90 Aktivisten festgenommen, geschlagen. Obwohl sie keinen Durchsuchungsbefehl hatten, durchwühlten sie die Büros. Das sind Vorgänge, wie man sie aus demokratischen Staaten nicht kennt.
Was passiert nun mit Albin Kurti?
Er sitzt zunächst 30 Tage in Haft; irgendwann stehen Gerichtsverhandlungen an. Doch seine Festnahme ist klar politisch motiviert, also wird es Proteste geben, Demonstrationen, und früher oder später wird Kurti wieder freigelassen.
Rechnen Sie fest damit?
Ja, denn es gibt keinen anderen Weg. Der Anzug der Diktatur ist zu klein für ein Volk, das in Freiheit leben will.
Die Vetëvendosje ist nun empfindlich geschwächt: Nebst Albin Kurti sind weitere 90 Aktivisten hinter Gittern. Ist die Bewegung am Boden?
In der Zwischenzeit wurden die meisten freigelassen; von diesen 90 sind noch elf inhaftiert. Wir haben Tausende von Aktivisten. Wir sind nicht geschwächt, im Gegenteil. Durch den Einsatz der Polizei wird der Widerstand grösser, denn man merkt, dass die Polizei auf der Seite der Regierung ist, und dass ihre Massnahmen nicht zur Lösung der Krise beitragen. Der Wille zur Freiheit ist grösser als die Angst vor einer Verhaftung.
Auch bei Ihnen?
Klar. Ich stehe hinter dem, was ich für gerecht halte.
Auch wenn wahrscheinlich Folter oder Misshandlung auf der Polizeiwache drohen?
Angst bringt mir ja nichts. Die guten Lösungen erfolgten immer nach grossen Antagonismen in der Gesellschaft. Das zeigt die Geschichte, auch diejenige der Schweiz. Jedes Mittel ist uns recht, um die Situation im Kosovo zu verbessern.
Sie sprechen es an: Der Kosovo liegt wirtschaftlich am Boden. Die Arbeitslosigkeit wird auf über 40, bei Jugendlichen sogar auf 70 Prozent geschätzt. Wie kommt das Land wieder auf die Beine?
Es wird keinen wirtschaftlichen Fortschritt geben, und die Korruption wird nicht bekämpft werden, solange die jetzigen Beamten an der Macht bleiben. Der Kampf wird lange dauern, doch wir sind entschlossen, ihn zu führen.
| «Faton Topalli 1963 geboren, organisierte Faton Topalli im von Serbien besetzten Kosovo Studentenproteste gegen die Besatzungsmacht. Weil ihm eine Verhaftung drohte, flüchtete er 1981 ins Ausland. Viele seiner Freunde landeten damals im Gefängnis. Via Türkei und Deutschland kam er 1983 nach Schaffhausen, wo er zunächst als Dolmetscher fürs Bundesamt für Migration arbeitete. Später studierte er Soziale Arbeit. Als der Kosovo 2008 seine Unabhängigkeit erklärte, fing Topalli wieder an, sich in seinem Geburtsland politisch zu engagieren. 2014 wurde er für die Protestbewegung Vetëvendosje (Selbstbestimmung) ins kosovarische Parlament gewählt. Mit 16 Sitzen (von insgesamt 120) ist die VV die stärkste Oppositionspartei. (kb.)» |
Die VV bezeichnet die Regierung nicht nur als korrupt, sondern auch als neoliberal und faschistoid. Weshalb?
Nochmals zur Korruption: Das sagen nicht nur wir, sondern auch die Europäische Union. In ihren jährlichen Fortschrittsberichten kommt sie immer – übrigens auch dieses Jahr – zum Schluss, dass die Regierung korrupt ist. Dass sie Verbindungen hat zum organisierten Verbrechen. Und dass sie starken Einfluss auf die Gerichte ausübt. Trotzdem unterstützt die EU diese Regierung – das entspricht nicht unseren Erwartungen.
Aber warum faschistoid?
Die Regierung hat alle Strukturen des Staates in ihren Händen – das ist verfassungs- und rechtswidrig. Es gibt Hunderte von Anklagen, die nicht bearbeitet werden. Einige betreffen auch Isa Mustafa.
Was werfen Sie ihm vor?
Der Premierminister verdient 1’700 Euro pro Monat, aber er ist Multimillionär. Darum stelle ich die Frage: Wie wurde er derart reich? Er ist eindeutig korrupt, und den Dialog mit der Oposition führt er nur via Polizei.
| «Es war nicht unser Wunsch, zu einer Petarde zu greifen» |
Auch die Vetëvendosje wird kritisiert. In Westeuropa betitelt man sie als «linksnationalistisch».
Wir setzen uns dafür ein, dass der Staat funktioniert, dass er den Rahmen bietet für eine sichere Zukunft, für Fortschritt und Wohlstand, und wenn das Nationalismus sein sollte, bin ich halt ein Nationalist. Nein, ehrlich: Ich bin kein Nationalist.
Sondern?
Unsere Partei setzt sich für die Schwachen ein, für soziale Gerechtigkeit, bessere Renten; Leute, die viel haben, sollen mehr Steuern zahlen als solche, die wenig besitzen. Und wir wollen ein besseres Gesundheitssystem, das vom Staat subventioniert wird. Es ist reine Propaganda der Regierung, die im Westen behauptet, wir seien nationalistisch. Denn im Kosovo beschimpfen sie uns als Kommunisten.
| «Ehrlich: Ich bin kein Nationalist» |
Aber die VV ist durchaus antiserbisch.
Überhaupt nicht. Dass wir keine guten Beziehungen zu Serbien pflegen, ist eine Tatsache. Doch dafür braucht es immer zwei Seiten. Allerdings, um zurück zum Abkommen mit Serbien zu kommen: Oft wird behauptet, diese Vereinbarung habe das Ziel, die Beziehungen zwischen dem Kosovo und Serbien zu normalisieren. Doch das stimmt gar nicht. Das Abkommen hat nichts mit dem Verhältnis der beiden Staaten zu tun; es ist eine Vereinbarung mit einem Drittstaat, um innerkosovarische Angelegenheiten zu regeln.
Sie wollen also nicht, dass sich Serbien in Ihre Innenpolitik einmischt.
Wollen Sie, dass die Schweiz mit Italien über die Rechte der Schweizerinnen und Schweizer spricht? Wohl kaum. Überdies anerkennt Serbien den Kosovo noch immer nicht als Staat.
























