
Eine linksoppositionelle Bewegung hat bei den Wahlen in ganz Kosova versucht, lokale Mandate zu erobern. Der Spitzenkandidat in Ferizaj: Faton Topalli, der nach seiner Flucht in Schaff hausen lebte.
Text und Bilder Mattias Greuter / schaffhauser az
Kurz vor den ersten Kommunalwahlen, an denen die gesamte Republik Kosova teilnehmen soll, ist die Stimmung in der Hauptstadt Pristina ruhig und entspannt. Staatspräsidentin Atifete Jahjaga hat immer wieder betont, die Wahlen seien ein Test für die politische Reife der jungen Demokratie – schliesslich arbeitet die Regierung auf einen baldigen EU-Beitritt hin. Bei den Wahlen des Nationalparlaments vor knapp drei Jahren wurde der PDK (Demokratische Partei Kosovas) von Ministerpräsident Hashim Thaçi Wahlbetrug im grossen Stil nachgewiesen – unter anderem liess sie Tausende von Toten für sich wählen. Die Schweizer Botschafterin Krystyna Marty Lang zeigt sich beim Besuch der «az» optimistisch: «Dieses Mal werden die Wahlen fairer ablaufen. Einige der Betrüger wurden verurteilt, und es gibt erstmals eine EU-Wahlbeobachtungs-Mission, an der sich auch die Schweiz beteiligt.»
Arbnor
Um möglichst faire Wahlen zu gewährleisten, haben alle teilnehmenden Parteien das Recht, ihrerseits ebenfalls Wahlbeobachter an den Urnen zu platzieren. Arbnor Dehari ist als Parteisekretär der linksoppositionellen Lëvizja Vetëvendosje (Bewegung für Selbstbestimmung) für die Organisation des Wahlkampfs und der «Sicherung der Stimmen» im Bezirk Pristina zuständig. Er wuchs in Bern auf, nachdem seine politisch aktiven Eltern in die Schweiz fliehen mussten. Nach dem Krieg (1998/99) kehrte Arbnor für ein Auslandjahr zurück. Die fast vergessene Heimat gefiel Arbnor, er blieb in Pristina und wurde bald Vetëvendosje-Aktivist.

und heute politischer Aktivist in Pristina.
«Die Bewegung für Selbsbestimmung hat sich mit friedlichen Aktionen wie Kundgebungen und Strassentheater dafür eingesetzt, dass der politische Status Kosovas geklärt wird», erklärt Arbnor in fast akzentfreiem Deutsch. «Mit der Unabhängigkeitserklärung hat Kosova einen Schritt vorwärts gemacht, aber gleichzeitig auch drei zurück», sagt der Aktivist und meint damit, dass es sich um eine international überwachte Unabhängigkeit handelt. Die Vetëvendosje kritisiert die Präsenz der EU- und UN-Missionen scharf und demonstrierte auch mit unzimperlichen Methoden dagegen: UN-Vertreter, die mit Serbien verhandelten, wurden mit Eiern beworfen, EU-Fahrzeuge auf das Dach gekippt und der Schriftzug auf UN-Fahrzeugen mit Farbsprays zu «FUND» (Ende) oder «TUNG» (Tschüss) erweitert.
Ein Schlüsselmoment in der Geschichte der Vetëvendosje ist der 10. Februar 2007: Bei einer Grosskundgebung gegen die UN-Präsenz wurde der Demonstrationszug von einer Polizeisperre aufgehalten. Die Aktivisten beschlossen, die unbewaffneten Polizisten zur Seite zu drängen, nicht wissend, dass dahinter eine rumänische UN-Spezialeinheit Stellung bezogen hatte. Diese reagierte mit brutaler Härte und schoss einzelnen Demonstranten aus nächster Nähe mit Gummigeschossen auf Kopf und Brust. Zwei Aktivisten starben, zahlreiche wurden verletzt. Die Gewalt gegen eine weitgehend friedliche Demonstration löste eine Welle der Sympathie für die Bewegung aus, der sich immer mehr Aktivisten anschlossen. «2010 haben wir basisdemokratisch entschieden, erstmals an den Wahlen für das nationale Parlament teilzunehmen», erinnert sich Arbnor. Die Vetëvendosje erreichte 14 von 100 Sitzen und wurde auf Anhieb zur drittstärksten Partei des Landes. Ihre Themen im Wahlkampf beinhalten unter anderem den Aufbau eines öffentlichen Verkehrs, die Schaffung von günstigen Kindergärten, die Verbesserung der Wasserversorgung und die Einführung des Referendums. Übergeordnet bleiben die Bekämpfung der grassierenden Korruption und die Selbstbestimmung des Landes ohne Einmischung der UNO- und EU-Missionen die wichtigsten Themen.
Agron
Mit dem Entscheid, an den Parlamentswahlen teilzunehmen, waren nicht alle einverstanden. Agron Quni ist Gründungsmitglied der Vetëvendosje und gehörte zum radikalen, fahrzeugeumkippenden Flügel. Er arbeitet beim staatlichen Radio als Techniker, doch seine Leidenschaft gehört «Radio Kosova e lire» (freies Kosova). Agrons Vater, ein ehemaliger politischer Gefangener, war bei der Gründung des Senders als Kommunikationsmittel für die Befreiungsarmee UÇK während des Krieges dabei. Heute besteht «Radio Kosova e lire» als unabhängiges Alternativradio weiter. Wichtiger Bestandteil des Programms sind gesprochene Beiträge, in denen die Kämpfer der UÇK geehrt werden, auch in den etwas heruntergekommenen Räumlichkeiten des Radios erinnern Fotos und pathosschwangere Kalenderbilder an gefallene Helden.

der Vetëvendosje und hat die Wahl boykottiert.
Agron und einige Freunde setzten sich innerhalb der Vetëvendosje dafür ein, dass diese weiterhin auf der Strasse und nicht im Parlament für ihre Ideale kämpfen sollte. Als sie die Entscheidung der gemässigten Mehrheit nicht aktzeptieren wollten, wurden sie unsanft aus der Bewegung ausgeschlossen. «Das Problem ist, dass die Vetëvendosje die Wahlbeteiligung erhöht und damit die Politik, die sie nicht grundlegend ändern kann, legitimiert», sagt Agron. «Nicht an der institutionellen Politik teilzunehmen, bedeutet aber nicht, unpolitisch zu sein.» Die Frage, ob er an die Urne gehen wird, beantwortet er mit einem Wort, das auch auf Albanisch unmissverständlich ist: «Bojkot.»
Faton
In Ferizaj, der drittgrössten Stadt Kosovas, will Faton Topalli, der jahrzehntelang in Schaffhausen gelebt hat (vgl. Porträt in der «az» vom 14. Juni 2012), derweil für die Vetëvendosje Bürgermeister werden. Er kandidierte bereits vor einem Jahr bei einer unplanmässigen Wahl, nachdem der regierende Bürgermeister verhaftet worden war. Seine Konkurrenz: die notorisch korrupte PDK und ihr Bündnispartner LDK (Demokratische Liga Kosovas). Sie verfügen über deutlich grössere finanzielle Mittel als die Vetëvendosje, was man anhand der langen Werbespots im lokalen Fernsehen unschwer erkennen kann. Der aktuelle PDK-Bürgermeister weiht zwei Tage vor der Wahl noch neue Niederflurcontainer ein, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen.
Am Abend des Wahlsonntags sitzt Faton Topalli auf der Terasse eines Restaurants und beruhigt seine Nerven mit Zigaretten und einem Gläschen Raki, während auf dem Handy erste Meldungen eintreffen. Es sieht schlecht aus: Die Kandidaten von LDK und PDK vereinen über 70 Prozent der Stimmen auf sich und werden das Rennen um das Bürgermeisteramt in einem Schlussgang unter sich ausmachen. Faton Topalli und seine Vetëvendosje schaffen es nur gerade auf neun Prozent. «Enttäuscht bin ich nicht», sagt der Kandidat aus Schaffhausen, aber aus seinem Gesicht spricht das Gegenteil. «Das Resultat ist Spiegel des Bewusstseins der Bevölkerung, wir haben die Regierung, die wir verdienen.» Immerhin: Die Vetëvendosje kann einige Sitze im Lokalparlament erobern, einer davon wird an Faton Topalli gehen. «Die Vetëvendosje hat Leute mobilisiert, Strukturen aufgebaut und einen Prozess in Gang gesetzt, der weitergehen wird.»
Fast im ganzen Land ist die Vetëvendosje hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Motiviert durch einen regen Zulauf an Aktivisten und gute Umfragewerte, hoffte sie auf auf einen Stimmenanteil von über 20 Prozent – am Ende sind es weniger als 10 Prozent. Eine Ausnahme bildet die Hauptstadt: In Pristina kann Spitzenkandidat Shpend Ahmedi über 30 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Er stellt sich in einigen Wochen einem zweiten Wahlgang gegen den Kandidaten der LDK.
Die beste Nachricht des Abends ist jedoch, dass die Stimmbeteiligung mit rund 47 Prozent deutlich höher ausfällt als bei den Nationalratswahlen 2010, und dass deutlich weniger Versuche, die Wahlen zu manipulieren, festgestellt werden. Die westeuropäische Presse berichtet fast ausschliesslich von den unschönen Szenen, die sich im serbisch dominierten Norden abgespielt haben, und blendet dabei aus, dass die Wahlen ansonsten weitgehend fair und frei abgelaufen sind – ein grosser Fortschritt gegenüber dem letzten Urnengang und ein hoffnungsvolles Zeichen für die junge Republik Kosova.
Kosova, unabhängig seit fünf Jahren
Am 17. Februar 2008 hat das kosovarische Parlament die Republik als unabhängigen Staat ausgerufen. 105 von 193 UNO-Ländern haben die Unabhängigkeit anerkannt. Dennoch liegt ein Teil der politischen Macht weiterhin bei den Missionen der UNO und der EU. 92 Prozent der Bevölkerung ist albanischstämmig. Grosse Teile der serbischstämmigen Minderheit, die im Norden eine lokale Mehrheit bildet, erkennt die Regierung in Pristina nicht an. Aus Rücksicht auf diese Minderheit und die labilen Beziehungen zu Serbien wird der Staat von der internationalen Gemeinschaft «Kosovo» genannt, was der serbischen Schreibweise und Aussprache entspricht. Die Mehrheit der Bevölkerung bevorzugt jedoch die albanische Bezeichnung «Kosova».
Kosova ist der ärmste Staat des ehemaligen Jugoslavien. Die Arbeitslosigkeit liegt gemäss offiziellen Zahlen bei etwa 45 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei 70 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist über 20 mal kleiner als das der Schweiz, der Durchschnittslohn liegt bei 250 bis 300 Euro. (mg.)

















