Berichte

1. Migrationsgründe

Die Gründe für eine Emigration von Albanern in die Schweiz im Zeitraum zwischen 1960 und 1980 sind hauptsächlich wirtschaftlicher Natur. In der Periode zwischen 1980 und 1990 kamen nebst Saisonniers auch vereinzelt Flüchtlinge. Von 1990 bis 1996, vor allem nach Abschaffung der Saisonnier-Statuts wächst die Zahl der Flüchtlinge aus dem Kosova rapide. Allerdings ist anzumerken, dass die Flüchtlinge mit der gleichen Geschwindigkeit wie sie gekommen sind, auch wieder in den Kosova zurückkehren. Allein in den ersten Jahren nach dem Krieg, von Ende 1999 bis 2000, kehren etwa 40 000 Flüchtlinge in den Kosova zurück.

Heute gibt es in der Schweiz zirka 4000 anerkannte Flüchtlinge. Die übrigen MigrantInnen sind in der Schweiz aus wirtschaftlichen Gründen.

Daten und Fakten

Offizielle Statistiken, die besagen, wie viele Albaner in der Schweiz leben, gibt es nicht. In der Volkszählung werden die MigrantInnen nach der Muttersprache erfasst. So wissen wir, dass in der Schweiz zirka 260’000 albanisch- sprechende Personen sind. Aus Kosova sind es ca. 180’000, Gemäss den Angaben des mazedonischen Botschafters in der Schweiz, beläuft sich die Zahl der albanisch-sprechenden Personen aus der Republik Mazedonien auf zirka 55’000 Menschen. Darunter befinden sich auch zirka 4’000 Albaner aus Albanien und weitere aus den Republiken Serbien und Montenegro. Basierend auf den Daten der Volkszählung kann somit davon ausgegangen werden, dass etwa 260’000 AlbanerInnen aus dem Kosova, der Republik Mazedonien und aus andere Staaten des Westbalkans, in der Schweiz leben. Dazu kommen noch die 40’000 eingebürgerten Albaner und Albanerinnen.

Genaue Statistiken über Alter, Ausbildung, Familienstruktur etc. gibt es nicht.

Bei den Interviews, die wir mit verschiedenen albanisch sprechenden Personen durchgeführt haben, herrschte allerdings vorwiegend die Meinung, dass den grössten Teil der albanischen Gemeinschaft in der Schweiz junge Menschen unter 30 Jahren ausmachen. Beherrscht wird diese Gruppe der Unter-30jährigen wiederum von Kindern und Jugendlichen im Adoleszenz- und Pubertätsalter. Ein Teil von ihnen ist in der Schweiz geboren und ein Teil kam in den 90er Jahren auf Grund von Familiennachzug.

Ein zahlenmässig kleinerer Teil in der albanischen Gemeinschaft wird durch die Personengruppe der 30- bis 50jährigen gestellt. In der Regel sind es Männer und Frauen, die zusammen mit ihren Familien seit 10 bis 15 Jahren in der Schweiz leben. Die Männer leisten harte Arbeit auf dem Bau, während der Grossteil der Frauen als Fabrikarbeiterinnen, in der Pflege alter Menschen oder als Hausfrauen tätig sind.

Den zahlenmässig kleinsten Anteil an der albanischen Gemeinschaft betrifft die Menschen über 50 Jahren. Sie sind meist während der 60er und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts in die Schweiz emigriert, hauptsächlich Männer ohne Familien.

Erst nach 1990 hat ein Teil dieser Männer ihre Familien nachgezogen.

Ausbildung

Die meisten Personen aus der Gruppe, der über 50jährigen haben in der Regel eine Grundschule abgeschlossen. Aber es gibt auch eine gewisse Anzahl von Analphabeten unter ihnen. Besser ausgebildet sind die Personen aus der mittleren Altersgruppe. Sie haben meist Mittelschulen im Heimatland absolviert. Ab den neunziger Jahren können einige von ihnen auch einen Hochschulabschluss vorweisen.

Die meisten MigrantInnen unter 30 haben Realschulen, ein geringerer Teil Sekundarschulen und noch viel weniger von ihnen haben ein Gymnasium abgeschlossen.

Genaue Statistiken über den Bildungsstand in den jeweiligen Altersklassen gibt es nicht. Diese Angaben stammen aus Befragungen von Personen und sind somit nicht wissenschaftlich belegt. Ein starker Bezug der Daten zur Realität kann aber vermutet werden.

 

Integration

Die erste Generation der albanischen Migranten, die zwischen den Jahren 1960 und 1980 in die Schweiz kam, ist nur zu einem geringen Teil integriert. Weder sie, noch der Staat waren zu einer vollständigen Integration bereit. Zwar waren sie auf dem Arbeitsmarkt integriert, da sie als Saisonniers arbeiteten, aber am gesellschaftlichen Leben hatten sie keinen Anteil. Später, als sie ihre Familien in der Schweiz nachzogen, wurden diese direkt mit den fehlenden Kompetenzen für eine Lebensperspektive hier konfrontiert.

Die älteren Menschen und ein Teil der Hausfrauen, die nur über einen geringen Bildungsstand verfügten, konnten nur eine minimale gesellschaftliche Integration erreichen. Es ist aber auch anzumerken, dass ihnen auch von staatlicher Seite keine Chancen und Möglichkeiten zur Integration geboten wurden. Die Schweiz ist davon Ausgegangen, dass die Saisonniers wieder in ihre Heimatländer zurückkehren werden. Die albanisch sprechenden Personen selbst waren auch der Ansicht, dass sie zurückkehren werden. Daher waren sie nicht vorbereitet und auch nicht bewusst über die Vorteile der Integration. Ein Teil der Männer mittleren Alters hat sich, im Vergleich zu ihren Frauen, besser integriert, obwohl sie noch immer ein isoliertes Leben führen.

Albanisch-sprechende Jugendliche stehen zwischen zwei Kulturen. Sie haben Mühe sich mit den Normen und Werten der Eltern zu identifizieren; gleichzeitig fällt es ihnen aber auch schwer, die Normen und Werte des Einwanderungslandes zu verinnerlichen. Dieser Zwiespalt kann zu enormen Problemen und Identitätskrisen führen.

 

2. Beschreibung der Ausgangslage der albanischen Gemeinschaft bezÜglich Gesundheitsfragen und Prävention.

Identifikation (Auffinden/ Aufspüren) der Schwierigkeiten im Bereich Gesundheit und Soziales.

Was den gesundheitlichen und sozialen Bereich betrifft, so lässt sich feststellen, dass fast alle AlbanerInnen, egal welcher Altersgruppe zugehörig, eine meist ungenügende oder falsche Auffassung von Gesundheit, Krankheit und Prävention haben. Ebenso unzureichend ist der Wissensstand in Bezug auf Institutionen und Fachpersonen des Landes, was wiederum eine distanzierte Haltung zur Folge hat. Beim Auftreten von Krankheiten haben sie Mühe die Diagnosen, Therapien und das Verfahren zur Genesung zu verstehen. Das Gleiche geschieht auch was Salutogenes (?) und Pathogenese betrifft. Der Grund für das Unverständnis liegt nicht nur in den Sprachschwierigkeiten begründet, sondern resultiert auch aus einer anderen Einstellung zu Gesundheit, Krankheit und Prävention. AlbanerInnen beschäftigen sich nicht mit gesundheitlichen Fragen, so lange es ihnen gut geht. Vielmehr stehen für sie im Alltag soziale Fragen und Schwierigkeiten im Vordergrund. Wenn sie krank werden, wird die Krankheit so lange ignoriert, bis das Bewältigen der alltäglichen Aufgaben nicht mehr möglich ist. Erst zu dem Zeitpunkt, wenn die Krankheit das alltägliche Leben und das eigene „Funktionieren“ beeinflusst, kommt es zu einer bewussten Wahrnehmung des Problems. In der Folge davon können Angstzustände und eine Überbewertung der Krankheit auftreten. Dieses Verhaltensmuster wurde uns nicht nur durch albanische Fachpersonen bestätigt, sondern auch durch die interviewten MigrantInnen.

Was Prävention betrifft, sind AlbanerInnen mehr oder weniger erst aktiv, wenn die Krankheiten schon aufgetreten sind (sekundäre und tertiäre Prävention).

Primärer Prävention und Vorbeugung von Krankheiten sind für die meisten AlbanerInnen von keinem grossen Interesse. Diese Art des Verhaltens trägt dazu bei, dass AlbanerInnen in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Prävention als passiv eingestuft werden können. Sie nutzen nur in geringem Mass die eigenen Ressourcen im Genesungsprozess und nehmen auch wenig Hilfe zur Selbsthilfe (Salutogenese(?)) in Anspruch.

Allerdings kann das Verhalten der Albanerinnen so nicht verallgemeinert werden. Je nach Ausbildung und Schichtzugehörigkeit ist das Verhalten in Bezug auf Krankheit, Gesundheit und Prävention unterschiedlich. Dieses Verhalten trifft zwar in vielen Fällen zu. Es fehlen aber die passenden Studien und damit auch gesicherte Daten darüber.

Das Verhalten der albanischen MigrantInnen und die Einstellung zu Gesundheit, Krankheit und Prävention, ist kein ethnisches Problem, sondern das Problem einer bestimmten Kategorie von Menschen mit geringerer Ausbildung. Das geschilderte Verhaltensmuster kann somit als schichtspezifische Problematik bezeichnet werden. Diese These wir dadurch begründet, dass sich ein Unterschied im Verhalten von AlbanerInnen im Heimatland und von AlbanerInnen in der Schweiz beobachten lässt. Eine der interviewten Personen gab an, bei seriösen Krankheitsproblemen eine Behandlung im Heimatland vorzuziehen, während die AlbanerInnen aus dem Kosova bei sehr seriösen Gesundheitsproblemen dazu tendieren ins Ausland zu gehen.

 

Hintergründe / Erklärungsversuche

Die Ursache für das beschriebene Verhalten der AlbanerInnen in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Prävention lasen sich nicht auf einen einzigen Grund reduzieren, sondern sie ist in einer Vielzahl von negativen Faktoren begründet. Zum Teil stehen diese Faktoren in Zusammenhang mit dem Heimatland, zum Teil besteht ein Zusammenhang zum Einwanderungsland. Die Faktoren, die mit dem Heimatland zu tun haben sind unzureichende Ausbildung, Sozialisation, Lebensbedingungen im Heimatland, Gesundheitsystem als ein Teil des repressiven staatlichen Systems, soziale Bedingungen, kollektive Traumatisierung wegen des Krieges, auch fehlende oder ein kürzere Tradition, was eigenen gesundheitliche Institutionen betrifft. Es ist ausserdem zu berücksichtigen, dass die Gesellschaft in Heimatland sich positiv verändert und entwickelt, während viele MigrantInnen gefangen sind in Normen- und Wertvorstellungen, auch in Lebensgewohnheiten, die vor 20, 30 oder 40 Jahren aktuell waren. Viele der Werte, Normen und Einstellungen der albanischen MigrantInnen sind fremd auch für die Gesellschaft im Herkunftsland.

Weitere Faktoren, die mit dem Einwanderungsland zu tun haben, sind Integrationsbedingungen im Gastland, soziale und materielle Bedingungen, mit welchen die Mehrheit der albanischen Familien konfrontiert wird.

Alle diese Faktoren haben einen Einfluss auf das Verhalten der albanisch sprechende Personen in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Prävention.

 

Gefährdete Gruppen

Als Folge der erwähnten Bedingungen ist ein Teil der AlbanerInnen in der Schweiz einer grossen Gefahr ausgesetzt, krank zu werden und im Krankheitsfall länger als nötig krank zu sein.

Jugendliche

Ein Teil der albanisch sprechenden Jugendlichen hat Schwierigkeiten eine Lehr- oder Arbeitsstelle zu finden. Als Jugendliche zwischen zwei Kulturen kommen sie oft in Konflikt mit den Eltern oder mit einheimische Institutionen. Sie haben in Bezug auf narkotisierende Substanzen oder Geschlechtskrankheiten (z.B. HIV) nur oberflächliches Wissen. Wegen der Unzufriedenheit mit der Situation ist ein Teil von ihnen drogenmissbrauchgefährdet. Praktizierende Ärzte, welche mit der Gruppe der einheimischen und albanischen Jugendlichen zu tun haben, sind der Meinung, dass es keine tiefgreifenden Unterschiede gibt zwischen schweizerischen und albanischen Jugendlichen. Die Unterschiede, die es wirklich gibt sind eher Schicht- oder Bildungsunterschiede und beziehen sich weniger auf kulturelle Unterschiede.

Hausfrauen

Eine weitere gefährdete Gruppe sind albanische Hausfrauen. Wegen der mangelnden Integration und der unzureichenderen Ausbildung haben sie mangelnde Erkenntnisse über das Gesundheitssystem in der Schweiz, sowie über sexuelle Krankheiten, Schwangerschaft und Verhütung. Wegen zahlreicher Kinder und Belastungen in de Familie fühlen sie sich sehr oft psychisch belastet, isoliert und unterschätzt. So leiden sie dann oft unter Depression, psychosomatischen Störungen (Beschwerden) und körperlichen Schmerzen, die durch ärztliche Examinierung nicht festgestellt werden können. Solche Frauen sind besonders der Gefahr ausgesetzt, mehrere Medikamente für längere Zeit zu missbrauchen.

Männer

Albanische Männer, die bei verschieden Arbeits- und anderen Unfällen invalid wurden, leiden unter Stress und Depression. Sie kennen weder ihre Rechte als Invalide noch die Möglichkeiten über Aus- und Weiterbildung und neue Eingliederung in die Arbeitswelt. Wegen enormer psychischer Belastung und Geduldverlust, neigen sie dazu, die verschiedene Probleme in der Familie durch Gewalt gegen eigene Frau und Kinder zu verdrängen. Als Ausweg kommt es in solchen Fällen oft zum Missbrauch von Nikotin und von Fall zu Fall auch zum Missbrauch von Alkohol.

Ältere Menschen

Die älteren Menschen haben Schwierigkeiten, weil sie zu wenig wissen über das Alter. Ihnen ist meist der Einfluss von Nahrung, Bewegung und Tagesstruktur auf die Gesundheit nicht bewusst. Sie fühlen sich fremd, verlassen und alleine gelassen: in Bezug zum Gastland, auf Grund mangelnder Integration, aber auch in Bezug zur zweiten und dritten Generation wegen anderer kultureller Parameter.

Der geschilderte Sachverhalt kann dazu führen, dass zu den Alterbeschwerden (Herzkrankheiten, Diabetes, hohes Cholesterin) auch Depression hinzukommen können.

Zusammenfassung

Als Folge von bestimmten Bedingungen, die im Verlauf des Textes, zumindest oberflächlich, erwähnt wurden, kann die albanisch sprechende Bevölkerung in der Schweiz zu den Risikogruppen der Bevölkerung gezählt werden und ist deshalb angewiesen auf Unterstützung. Die mangelnde Kenntnis der Gesundheitssystems in der Schweiz erschwert den Zugang dieser MigrantInnen zu Institutionen und Fachpersonen. Die sozialen, wie auch die integrativen (persönlichen und institutionellen) Schwierigkeiten machen die Risikogruppe unkonzentriert in Bezug auf Gesundheit und Prävention. Dies hat unter anderem auch hohe Behandlungskosten und geringe Effektivität bei der Bekämpfung der Krankheiten zur Folge, und somit auch negative Auswirkungen auf das Gastland.

Die wichtigsten Themen in Bezug zu albanisch sprechende MigrantInnen sind:

  • Ernährung
  • Erhaltung der Gesundheit
  • Bewegung
  • Missbrauch von Medikamenten und Drogen
  • Adäquates und konsequentes Vorgehen bei Krankheiten

Das Verhalten der AlbanerInnen in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Prävention ist weniger mit ethnischen und kulturellen Hintergründen in Zusammenhang zu bringen, sondern vielmehr mit schichtspezifischen, Integrations- und Bildungsmerkmalen. Die Religion spielt in Wirklichkeit keine wesentliche Rolle in Bezug auf Krankheit, Gesundheit und Prävention, auch wenn teilweise bereits andere Behauptungen aufgestellt wurden.

Viele der Probleme, mit welchen sich die AlbanerInnen in der Schweiz konfrontieren sehen, sind Probleme von bestimmten Schichtgruppen in der gesamten Schweiz.

Diese Art von Problemen kann man nicht ethnisieren. Sie haben viel weniger kulturelle Merkmale als angenommen wird.

In der Schweiz bestehen genügend Institutionen, welche sich mit Fragen der Gesundheit, Krankheit und Prävention auseinandersetzen. Diese Institutionen, Beratungsstellen etc. erreichen auch einen Teil der albanisch-sprechenden MigrantInnen in der Schweiz, z. B. die Jugendlichen. Wenn die albanische Jugendliche aber weniger über Geschlechtskrankheiten wissen, dann hat dies nicht mit ihrem kulturellem Hintergrund zu tun, sondern viel mehr mit ihrem Bildungsniveau.

Wir sind der Ansicht, dass für die albanisch sprechenden MigrantInnen die Massnahmen, die die Schweiz unternimmt, in Bezug auf Themen wie Krankheit, Gesundheit und Prävention ausreichend sind, und dass es keine speziellen Präventionsprogramme für albanisch sprechende Personen braucht.

Wir sehen es als viel relevanter an, die Frage zu klären, wie bestimmte Bevölkerungsgruppen in der Schweiz erreicht werden können, als die Frage, ob es genügende Angebote gibt.

Ausser gesundheitlichen Schwierigkeiten und Problemen gibt es auch sehr viele Ressourcen und Fachpersonen. Wir sind – wie auch der EKA und andere Fachkreissen empfehlen – der Ansicht, dass sich die hiesigen gesundheitlichen Institutionen und Fachstellen für die Fachleute albanischer Herkunft öffnen sollen.

Sollte es ethno-spezifische Programme und Angebote geben, dann nur für die erste Generation und dies im Bezug auf Gesundheitsinformationen und Informationen zu spezielle Angeboten in allen nötigen Bereichen. Ausserdem braucht es von Fall zu Fall ethno-spezifische Beratungen, Begleitungen und Betreuung sowie Co-Therapien.